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Wolmirstedter Kanu-Verein e.V.

09. October 1969 | Volksstimme

Bisher 50000 Wasserwanderkilometer mit den Booten

Walter Urban hatte mich ins Bootshaus eingeladen. Er wollte nur "mal zeigen", was aus der Sektion Kanu nach fast zwanzigjähriger Arbeit geworden ist. Trotz halber Lunge und halben Magen trainiert der mittelgroße Mann mit dem schütteren Haar noch alle Mädchen und Jungen, ist einer der aktivsten. Man muß ihn einfach bewundern. Es war 1951, als der hochwangige, mit viel zu weiten Hosenbeinen und einem geerbten Ulster, der ihm sicher auch als Zudecke diente, zu uns an die Ohre kam - wollte Mitglied der Sektion Kanu werden. Achtzehn Jahre liegt das zurück. Uns knurrte der Magen, und wir stritten über Probleme der Freien Deutschen Jugend. Aber unsere Freizeit war sinnvoll ausgefüllt, wir nannten einen alten Schuppen unser Bootshaus. Wir bauten Boote selber, der Schneidemüller lieferte astreine Bretter... Heute das Bootshaus, ich hätte es kaum wiedererkannt. Mit dem Anpaddeln im kommenden Jahr feiert die Sektion ihren "20."!

Bürgermeister Holburg, heute arbeitet er in einem Berliner Großbetrieb, brachte uns zum Mittellandkanal und schenkte uns dazu eine baufällige Baracke, die der letzte Krieg nicht verschlungen hatte. Wir setzten sie um, andere bauten schon rechtzeitig die Fundamente dafür. Ich war Brigadier. Wie das damals klang Brigadier. Wir konnten es gar nicht richtig aussprechen. Es gab auch welche, die uns Polier nannten. Sie sperrten sich gegen das Neue, das nach ihrer Meinung ja von den Russen kam. Darüber gab es Debatten. Manchmal vergaßen wir, daß wir aufbauen mußten, so heftig stritten wir miteinander. Aber daraus wuchs die Gemeinschaft.

Ich weiß gar nicht mehr, leisteten wir fünftausend oder sechstausend Aufbaustunden aber das ist ja nebensächlich. Der Bootsbestand 1954 war leicht zu merken: Ein DS KII. Ein Boot. Als die erste Schale gekauft werden sollte, nahm die Sektion bei den Mitgliedern einen Kredit auf, gab Schuldscheine für eintausendzweihundert Mark aus! Heute hängen die Boote in den langen Jochs sauber und akkurat übereinander. Walter sagte mit berechtigten Stolz: "Jetzt haben wir vierzehn Einer, acht Zweier und einen Vierer, zähle nach! Fünf Boote sind draußen zum Training. Boote, von denen wir zu unserer Wettkampfzeit gar nicht zu träumen wagten. Das sind keine "Heiligtümer". Sie werden für den ständigen Trainings und Wettkampfbetrieb genutzt". Während wir die schöne helle Herbstsonne genossen, paddelten die Schüler ihr Trainingsprogramm her unter. Erst vor, drei Jahren wurde das Haus erweitert und umgebaut. Unser Staat gab Investitionen im Wertumfang von 30000 Mark, weitere 13000 Mark flossen aus dem Stadtsäckel dazu, noch einmal 17000 Mark Eigenleistungen der Sportler selbst. Das ganze Objekt einschließlich Inventar verkörpert mit den wunderbaren blumenbunten Grünanlagen, mit dem weiten Zeltplatz und der Freitreppe 150000 Mark. Fast aus dem Nichts!

Sie sind fleißig wie die Bienen, unterhalten ihr Rennmaterial, säubern, streichen, pflegen den ganzen Komplex. Die Wege sind mit Rasen-kantensteinen eingefaßt, Plattenwege wurden geschaffen. Der Freisitz lädt direkt dazu ein, über das Vergangene nachzudenken, darüber zu sprechen, weil man von dort, so schien mir, auch einen herrlichen Blick in die Zukunft hat, die mit den Kindern auf dem Wasser so nahe vor der Tür liegt. Im Wasser am Steg lagen vier schnittigen weiße Motorboote. Zu den Wanderbooten zählen sie, zehn "Del-phine" und zwanzig Faltboote mit Motor, das versteht sich. Bei einem doppelten Korn und einem freund-lichen Hellen sprachen wir über die Arbeit. Man bekommt ja alles dort oben Gastronomie unter Regie der Sektion Kanu. Die Perle des Bootshauses ist wohl der Kulturraum. Die vielen Trophäen, Pokale und Urkunden wirken dekorativ und unterstreichen den herrlichen Raum. Einige Delikatessen daraus: 1964 Ladebeck/Heiß Deutsche Vizemeister, Heiß 3. Platz im KI, Heiß in der Nationalmannschaft Vize Europameister. Das ließe sich fortführen: Vordere P1ätze beim III. Deutschen Turn- und Sportfest, bei den Kinder- und Jugendmeisterschaften und zu vielen anderen Anlässen. Reich war der Medaillensegen, manche Tränen gab es, sie haben an der großen Wand keinen Platz. Aber es wurde stets weitergefahren, und gekämpft! Interessant war auch zu erfahren, daß die Sektionsmitglieder bisher etwa 50000 Wasserwanderkilometer gepaddelt sind. Draußen rief Walter Urban den Jungen auf dem Wasser etwas zu. Sie erhöhten die Schlagzahl. Es war eine saubere Paddelführung. Als die Jungen aus dem Boot stiegen, hoch-rote Köpfe, flinke, wache Augen, sicher bleischwere Arme. Sie werteten sofort aus, intensiv und gründlich, wie Große.

 

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