. . HOME | KONTAKT | LOGIN

Wolmirstedter Kanu-Verein e.V.

15. October 1961 | Volksstimme

Früher ein Boot – heute sind es viele

Über die Entwicklung der Sparte Kanu der BSG Einheit Wolmirstedt

Wolmirstedt. Der Sommer des Jahres 1949 war viel versprechend warm. Fieberhaft baute ein junger Mann unter dem Dach des alten Pferdestalles (des heutigen Kulturraumes des Kreisbaubetriebes) an seinem und damit am ersten Boot der zu gründenden Sparte Kanu der BSG Einheit Wolmirstedt. Das war eine Aufregung. Bis in die Nachtstunden hinein wurde genagelt, geklebt und gestrichen. Und dann war es endlich soweit. Unwahrscheinlich war es, da schwamm ein selbstgebautes Paddelboot.

Wir waren unserer drei. Keiner konnte es fassen, dass sich damit unser Wunsch, die Ohre als Wasserwandergebiet zu erschließen; erfüllen sollte. Wir waren skeptisch, aber soviel wir auch nachsahen und prüften; das Boot blieb dicht. Über diese Arbeit war der Sommer in das Land gegangen, und die ersten Nebel hingen über dem grauen Fluss. Das alte Weidengestrüpp an den Uferseiten der Gärten am Jungfernstieg ließ fröstelnd seine welken Arme in das Wasser hängen. So war der Tag der Taufe des ersten Bootes, das den Namen „Stromer" erhielt; und auch die Gründung der Sektion Kanu, an der Sportfreund Ulrich Beuckert teilnahm.

Nach jeder Paddeltour wurde das Boot, es wog immerhin gute 60 kg, wieder auf dem Boden des alten Pferdestalles verstaut. Im Frühjahr kam noch ein Boot hinzu, und noch ein Boot. Alle fanden keinen Platz auf dem Boden, also musste anderweitig Rat geschafft werden. Und man fand auch eine Lösung. Der Rat der Stadt hatte sehr großes Verständnis für die neue Sportart und mietete die zur Ohre hin gelegenen Räume der ehemaligen Drahtfabrik Leihe & Brauns zum Preis von 120 DM monatlich. Eine hervorragende Unterstützung!

Mit dem großen Schuppen begann auch die Arbeit, die bis heute noch nicht abgerissen ist. Es mussten Berge von Eisenschrott, Schutt und altem Gerümpel weggeschafft werden. Es war eine kleine Handvoll begeisterter Kanuten, die damit begann. Mehr kamen und packten mit an. Wir spürten, wie viel 4 und 8 und gar 10 Paar Hände schaffen können, und warben. Das hatte Erfolg, besonders unter den Schuljungen, die oftmals leider ihre Schularbeiten vernachlässigend gleich mit dem Schulranzen kamen und bis zum späten Abend blieben. Wir hatten es uns längst abgewöhnt, die Zeit in Stunden oder Tagen zu messen. Größere Maßstäbe waren wirksamer. Drei Jahre dauerte es, dann war ein Bootshaus an der Ohre vorhanden, das unter den gegebenen Verhältnissen ein Schmuckkästchen war.

Die Jugend zog die Eltern mit ins Bootshaus, die nun selbst das mühsam Geschaffene besichtigen konnten. Der Platz war sauber, die Ufer waren gepflegt und Boote waren vorhanden. Absichtlich legten wir sie aus, zehn und fünfzehn in einer Reihe. Wolmirstedt musste sehen, wie sich die Kanuten entwickelt haben. Alls Boote waren Eigenbauten. Unter Anleitung eines erfahrenen Schiffbauers wurden Planken und Bodenbretter zugeschnitten, das Deck aufgepasst, alle Teile richtig zusammengefügt, und fertig war ein Boot. Die Farbe sorgte für die Schönheit. Immer entstanden neue Boote, jährlich bis zu zehn Stück.

Das war eine Freude unter den Sportfreunden. Es gab Bootstaufen, die es in sich hatten. Sie unterschieden sich kaum von den bekannten Äquatortaufen. Und alle Mitglieder waren mit Freude bei der Sache. Nur mit den zunehmenden Booten nahm das Wasser der Ohre ab. Die Anlagestelle wurde ausgeschachtet. Es war eine mühsame Arbeit, die keinen Erfolg hatte, weil die Zuckerfabrik enorme Schlammassen in die Ohre fließen ließ, die dann der Strom bis vor das Bootshaus und natürlich weiter getragen hatte. Mit dieser Erscheinung gab es die ersten Auseinandersetzungen.

Die Fähigkeit des Vorstandes wurde angezweifelt, einige Sportfreunde weigerten sich, weiterhin am Bootshaus zu arbeiten, weil doch alles, wie sie meinten, für die Katze wäre. Es waren nicht alle dieser Meinung. Und das war die erste Säuberung des jungen Sektionskörpers. Alles, was Schlacke war, was Ballast war, also faules Fleisch, wurde herausgeschnitten, denn wir hatten ein kühnes Projekt beschlossen, das in wenigen Wochen in Angriff genommen werden sollte. Die Wasserverhältnisse hatten sich derart verschlechtert, dass ein Befahren der Ohre in den schönsten Sommermonaten des Jahres überhaupt nicht mehr möglich war. Wir ließen uns, für jeden guten Vorschlag empfänglich einreden dass man die Ohre stauen müsse. Dazu sollte 100 m unterhalb der Schrotemündung ein Wehr im Flussbett errichtet werden. Von der Nutzlosigkeit unseres Vorhabens ließen wir uns auch von Fachleuten nicht abbringen. Sie kannten nicht die unvergleichlichen Reize einer Ohrewanderung mit dem Boot, sie kannten nicht das Betrachten der Landschaft aus der Forscherperspektive, sie hatten ja überhaupt keine Ahnung von der Schönheit des Kanusports. Und weil sie das nicht hatten, so sagten wir uns, würden sie auch nicht alles versuchen, es weiter zu genießen.

Wir versuchten es. Herr Eger lieh uns freundlicherweise einen Dreibock und eine komplette Bohrausrüstung. Die Arbeit begann pünktlich an einem besonders kühlen Tag im Spätsommer 1952. Eine Abteilung war damit beauftragt, die Maschinen für die Uferbefestigung anzufertigen, eine andere Abteilung, und zwar die größere, war mit dem eigentlichen Bau des Staues beschäftigt. Es war eine Freude; mit anzusehen, wie die dicken Pfeiler erst Dezimeterweise in dem Sandbett der Ohre verschwanden. Dann wurden die wuchtigen Hiebe kräftiger und die Erfolge des Eindringens der Pfähle spärlicher. Aber sie standen! (wird fortgesetzt)

 

älterer Artikel   nächster Artikel
Kanuten beenden Saison als pdf downloaden Früher nur ein Boot – heute sind es viele (III)