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Wolmirstedter Kanu-Verein e.V.

06. October 1965 | Volksstimme

Christel Heiß – ein Kind unserer Republik

Es ist nicht nur so, dass sich die Kandidaten des Kreistages und der Gemeindevertretungen auf die Ausübung einer neuen Funktion vorbereiten. Viele Jungwähler in unserem Kreis tun das ebenso. Schließlich ist eine Wahl „ein großer Augenblick in unserem Leben“, wie Christel Heiß sagt. Das erste Mal wählen, mitbestimmen zu dürfen, wie sich Politik, Wirtschaft und die Kultur im Zeitraum von vier Jahren entwickeln sollen, das verlangt, Gedanken zu ordnen und sich Klarheit zu verschaffen.

Christel Heiß wohnt im Ortsteil Elbeu der Kreisstadt. Sie ist 18 Jahre alt. Ein wunderbares Alter, wenn man wie sie soviel mit dem Leben anzufangen weiß, wenn man solche großen Pläne hat. „Christel, du bist Jungwähler, was bewegen dich für Gedanken und Fragen?“ Zwischen Überlegen und Antwort kommt der Bus. Zu spät gespurtet aber nun haben wir 60 Minuten Zeit. Die sonst so wortkarge Kanusportlerin erzählt von ihren großen Reisen, die sie im Jahr 1965 unternommen hat, um unsere Republik sportlich international zu vertreten.

Aus Rumänien kam sie als Vize-Junioreneuropameisterin im K II zurück. In der Volksrepublik Ungarn erkämpfte sie sich vor einigen Tagen einen Doppelsieg, und am Mittwoch geht die Reise in die Volksrepublik Polen. In anderen gesellschaftlichen Verhältnissen als den unseren hätte ich als Arbeitermädchen kaum eine solche sportliche Entwicklung nehmen können. Sie wissen ja, dass in unserem Staat die Leistungen entscheiden und nicht die Person. Bei internationalen Starts bekomme ich oft Arroganz und Überheblichkeit der Sportlerinnen aus Westdeutschland zusehen. Man findet schnell heraus, ob Arbeiterkinder darunter sind.

Sie sind besser, „kameradschaftlicher“.

„Ich habe verstanden, Christel.“

„Solche Vergleichsmöglichkeiten gibt es viele, darum weiß ich immer, wohin ich gehöre.“

Der Vater ist ein alter Genosse, und Mutter Heiß sorgt dafür, dass wir unsere Zeitung immer pünktlich ins Haus bekommen. Würde ein anderer Staat als die Arbeiter- und Bauern- Macht dem Mädchen jemals solche Entwicklung gegeben haben? Nein!

Nachdem die 10-Klassen-Schule absolviert war, begann sie als Angestellte ihre Laufbahn. Heute arbeitet sie. in der Kreisleitung der Pionier-Organisation in Magdeburg. „Christel, kennst du die Kandidaten aus Elbeu, die in die neue Stadtverordnetenversammlung einziehen werden?“ Sie überlegt einen Augenblick. „Nicht alle, aber Elfriede Meier, Ilse Meyer, Herrn Kanitz und Herrn Bedenstiel, ja.“ Und sie besitzen auch das Vertrauen des kleinen Mädchens, das schon so viel von sich reden gemacht hat. Christel erzählt mir, dass sie alle ehrlichen Menschen darum bittet, sich für die Erhaltung des Friedens einzusetzen, weil sie nicht möchte, dass all jenes, welches die Millionen Väter und Mütter, Brüder und Schwestern in unserer Republik und in anderen sozialistischen Ländern aufgebaut haben, mutwillig vernichtet wird. „Im Frieden lässt es sich erst leben, denn durch ehrliche Arbeit lassen sich viele Wünsche erfüllen.“

Verständlich, dass sie mit einem kleinen Seitenblick zum Kanusport liebäugelt, dem sie nunmehr seit vier Jahren die Treue hält. „Um Erfolge zu erreichen, ist schwere Arbeit notwendig, aber das ist auch wohl in der Politik so“, sagt sie. Ihrem Fleiß, ihrer Ausdauer und der stattlichen Anzahl ihrer sportlichen Erfolge hat sie letzten Endes zu verdanken, dass sie nach der diesjährigen Rennsportsaison, Mitglied des Sportclubs Magdeburg und im nächsten Jahr auch Mitglied der Nationalmannschaft unserer Kanuten wird. Als sie erzählt, läuft vor unserem Auge ein ganzer Rennsportsommer ab. Ein Sommer mit Wolken und Sonne, mit Booten und Paddeln, jungen Menschen, die um sportliche Erfolge, wetteifern. Ein Sommer mit Siegen und Niederlagen, mit Tränen der Freude oder der Enttäuschung.

Christel schaut auf die Uhr. „Der Bus kommt gleich“, sagt sie leise „ich muss zum Training, und dabei wollten wir uns doch über die Wahl unterhalten.“ Ich höre noch die schwere Tür ins Schloss fallen, dann setzt sich das Fahrzeug in Bewegung. „Wir wollten uns doch über die Wähl unterhalten“, klingt es mir in den Ohren nach, sie hat doch längste gewählt und sich für das Leben, für das Glück entschieden.

 

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Auf dem Snagow-See ist Christel dabei als pdf downloaden Kanuten geben Beispiel