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Wolmirstedter Kanu-Verein e.V.

29. August 1964 | Volksstimme

Das Wasser, das Boot sind ihr Element

Nicht weit von Wolmirstedt entfernt steht das Bootshaus der Kanuten. Es wird mit viel Liebe und Fleiß unterhalten und erweitert. Das Wasser des Mittellandkanals bietet ideale Trainingsmöglichkeiten für die so reichlich vorhandenen jugendlichen Kanu-Rennfahrer. Nur wenige tausend Meter von ihnen entfernt, bereiten sich die Olympia-Kader der Deutschen Demokratischen Republik auf die gesamtdeutschen Ausscheidungen vor.

Das alles weiß man im Bootshaus zu berichten. Das wissen die zwei „goldenen“ Mädchen, Christel Heiß und Christel Ladebeck, die vor einigen Tagen DDR-Meister im K II der weiblichen Jugend geworden sind. Sie sind, wie kann es anders sein, auf dem Wasser anzutreffen. Sie kommen vom täglichen Nachmittagtraining. Zehntausend Meter, haben sie zurückgelegt. Mit kräftigen einem Spurt ziehen sie noch einmal am Bootshaus vorbei, schwenken ein und steuern auf den Anleger zu. Beide lachen freuen sich über den Erfolg, über den schönen Sport, über... „wir freuen uns über alles", sagen sie. Die rotweiß gestreiften Jerseys, die sieggewohnten, machen die Mädchen gertenschlank. Wir möchten uns mit beiden unterhalten, natürlich, sie sind gerne dabei, aber erst muss das Boot gesäubert und wieder an Ort und Stelle gebracht werden.

Da sitzen die zwei und strahlen über das ganze Gesicht. Christel Heiß, 17 Jahre alt ist der Schlagmann des siegreichen Gespanns. Nachdem sie die 10.Klasse der allgemein bildenden polytechnischen Oberschule abgeschlossen hat, arbeitet sie beim Rat des Kreises: als Schreibkraft Christel ist ein stilles, sehr verschlossenes Mädchen mit einem ausgeprägten Ehrgeiz. Der Sektionsleiter Gerhard Kusian, sagt über sie: „Die Christel gibt sich bis zum letzten Krafttropfen aus, wenn es sein muss. Bei wissenschaftlich, aufgebautem Training ist sie durchaus in der Lage, ihre Leistungen weiter zu steigern.“

Doch wie kam die kleine Christel überhaupt zum Kanusport? „Ich habe erst Handball gespielt in der Schulmannschaft. Dann wurde die Mannschaft aufgelöst, und da sagte, eine Freundin: „Komm doch mit zum Bootshaus...“ erzählt sie. Und das hat sie auch getan. Das war im Sommer 1961. Drei Jahre fleißige Trainingsarbeit sind mit jenem erstrebenswerten Titel gekrönt worden. Christel hat schon einige große Erfolge in den drei Jahren errungen: zweifacher DDR-Meister im K I und K II und vierfacher Bezirksmeister im KI, K II und K IV.

Die Zweite im Boot ist Christel Ladebeck. Das lachende, blonde Mädel mit den türkisgrünen Augen ist so jung wie unsere Republik. Fünfzehn Jahre, man könnte ihre Entwicklung mit der unseres Staates vergleichen. Seit ebenfalls drei Jahren hat sie sich dem Kanu-Rennsport verschrieben. Vorher war sie Turnerin, und keine schlechte. Nun aber sind das Wasser, das Boot, das Paddeln ihr Element. Zwei Jahre fuhr sie als weiblicher Schüler ungeschlagen. Im vergangenen Jahr gelang ihr der große Wurf mit Lissy Hartmann, als sie bei den Pioniermeisterschaften anlässlich der 5. Spartakiade in Leipzig DDR-Meister im K II wurde. Das spornte die Leistungen doppelt an. Seit dem vergangenen Jahr nun fährt sie mit Christel Heiß zusammen.

Sie blieben bisher auf allen Regatten ungeschlagen. Christels Erfolgsliste ist nicht minder umfangreich: zweifacher DDR-Meister im KII, zweifacher DDR-Meister im KI, sechsfacher Bezirksmeister im KI, KII und KIV. Seit vier Monaten besucht sie die Jugendsportschule in Magdeburg. Berufswunsch. „Ich möchte Fotolaborantin werden“, sagt sie, aber nicht ohne den Hinweis „jedenfalls solchen Beruf, der mir auch weiterhin die Möglichkeit gibt, eifrig zu trainieren.“ Und die Zeugnisse? Christel ist nicht ganz zufrieden, aber noch ist ja die schulische Umstellung nicht ganz überwunden. Sie will fleißig lernen und in Magdeburg ebenso gute Leistungen erreichen wie in Wolmirstedt. Der Vati will jedenfalls, dass sie mit dem Abitur abschließt. Ein verständlicher Wunsch. Noch ist die rennsportliche Saison nicht beendet, noch werden beide auf den DDR-offenen Regatten in Halle, Bad Dürrenberg und in Grünau zum Jugendvergleichskampf erwartet. Noch trainieren sie eifrig, täglich zweimal.

Christel Ladebeck verrät, daß bis zur ersten Regatta dieses Jahres, Anfang Mai, schon 600 bis 700 Trainingskilometer von jeder der beiden zurückgelegt wurden. Reicht das aber alles, um in der Leistungsklasse I auch bestehen zu können? Beide ziehen die Schultern hoch. Sie hoffen es. Wie sagte doch der Sektionsleiter: „Bei wissenschaftlich aufgebautem Training sind sie in der Lage, ihre Leistungen weiter zu steigern.“ Es gibt einen Förderungsvertrag mit dem Sportklub Aufbau Magdeburg. Beide können zu jeder Zeit am Training im Sportklub teilnehmen. Wenn sie einmal aus der Jugendklasse ausscheiden, übernimmt sie der Sportklub.

Eine Tatsache ist Gewissheit: Die Wolmirstedter Mädchen gehören zum talentiertesten Nachwuchs unserer weiblichen Rennkanuten. Solche Einschätzung, das wissen beide, ist eine große Verpflichtung, für sie, sogar in doppelter Hinsicht. In wenigen Wochen feiern wir gemeinsam den 15. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Beide haben sich vorgenommen, in ihrem Boot „Ernte 62" auch weiterhin siegreich zu bleiben. Mehr noch, sie wollen Vorbild sein für alle 45 Mädchen und Jungen, die ihnen in Wolmirstedt nacheifern, um gleichgroße Leistungen zu erreichen.

Das Boot „Ernte 62" wurde gekauft aus dem Erlös der unzähligen Einsätze bei der Bergung der Hackfruchternte 1962. Eintausendachthundertneunzig MDN war der Erlös und der Preis der „Schale". Die Mädchen waren auch immer dann dabei, wenn es galt, neben der eigentlichen sportlichen Arbeit noch etwas zu tun. Der Staat der Arbeiter und Bauern hat sie geformt, erzogen und gebildet. Er hat ihre Talente entwickelt, und das danken sie ihm. Sie verkennen nicht die große finanzielle Unterstützung, die notwendig war und ist, um sie zu Regatten zu delegieren, die Maßstäbe ihrer Leistungen setzt. Sie sind die „Teuren“ in der Sektion. Weiterhin viel Erfolg, liebe Mädel, Hals und Beinbruch, nicht so starkes Lampenfieber wie bisher! Trainiert fleißig, und konsequent weiter. 1968 steht vor den Sportlern der ganzen Welt wieder ein großartiges Ereignis. Warum solltet ihr nicht dabei sein, wenn es gilt, für den ersten deutschen Arbeiter- und Bauern-Staat olympische Lorbeeren zu erringen?

Otto Zeitke

 

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