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Wolmirstedter Kanu-Verein e.V.

01. June 1954 | Volksstimme

Vom fröhlichen Kanutenleben

Es sind schon fast vier Monate vergangen, seit dem die Kanuten das alte Bootshaus an der Ohre verlassen haben. Vielleicht war das Ohrehochwasser eine letzte Kraftanstrengung des ,,Flusses“, um den Kanuten seine einstige Stärke zu dokumentieren. Aber schon liegt er, einem geschlagenen Tier gleich, ohnmächtig darnieder, und die knietiefen Wasser kollern träge der Elbe entgegen.

Nur hin und wieder taucht ein Angler seine "Peitsche" ins Wasser. Das ist das Bild an den Ufern der Ohre. Die ehemals verfallene Baracke am Samsweger Schacht dient nun guten Zwecken und beherbergt unter ihrem Dach mehr als 40 Boote. Das ist Kanutenleben, wie wir es uns gewünscht haben: Wasser, Wind, Sonne und Kähne! An jedem Wochenende starten verschiedene Boote, beladen mit dem nötigen Vorrat, und treten ihren Weg zu einer kleinen Wanderfahrt an. Im Anfang wird noch tüchtig ,,gekloppt“, damit die Muskeln warm werden, aber wehe, wehe, wenn sie warm sind, dann will es gar nicht mehr gehen.

Mühselig suchen die Augen die Wasseroberfläche nach einem Schleppzug ab. Selbst das mitgenommene Grammophon vermag nichts mehr zu beleben. Irgendeine Melodie krächzt in den Ohren nach, und die Stimme der Sängerin scheint auch an überwarmen Muskeln zu leiden. Ganz langsam schieben sich die Boote vorwärts, nur soviel, um nicht stehenzubleiben. ,,Heinz, noch eine Platte." Heinz kurbelt mit sichtlichem Behagen den Geräuschkasten auf und das "Papalied“ quält sich durch die Membrane des Tonabnehmers. Ein Jubel der Erleichterung oder der Faulheit — dicke Rauchsäulen künden den ersehnten Schleppzug an. In fieberhafter Eile werden die Halteleinen befestigt, und in gemächlichem Tempo geht es dank der Kraft des großen Bruders weiter.

Doch das Schicksal schreitet schnell, nach wenigen hundert Metern: „Alles halt!“ Mit langen Gesichtern müssen wir wieder allein weiter. Als die Dunkelheit hereinbricht, werden die Zelte aufgestellt, und um den dampfenden Benzinkocher sammelt sich die Schar der Hungrigen. Noch immer, oder schon wieder dudelt das Grammophon, und eine müde Stimme lallt in die Dunkelheit. Eine köstliche Ruhe, wenn der ,,Kasten“ schweigt, allerdings für Augenblicke nur.

Die ersten Tropfen fallen bleischwer auf das Zeltdach, und im Schein der Lampions kollern sie sich wie kleine Geister über die gespannte Leinenfläche. Noch immer singt der Kocher sein monotones Lied. Irgendwo im nahen Wald lockt ein Vogel, Unterholz knackt, doch die Dunkelheit verschluckt die Laute. Eine Müdigkeit hat die Menschen und auch die Natur befallen. Der leichte Regen hat aufgehört, und aus den Zelten verraten tiefe Atemzüge die Schläfer. Wieder knattern die Kocher, wieder singt eine ,,liebliche“ Stimme, und der leichte Wind trägt ,die Töne bis zum gegenüberliegenden Ufer. Der Morgen ist wirklich, um mit Homer zu sprechen, mit Rosenfingern erwacht. Sonntag ist‘s! Kein Telefon kann klingeln, kein störender Besuch uns überraschen, Der Vormittag wird mit einem ausgedehnten Spaziergang eingeleitet und endet mit dem schnell verwirklichten Bedürfnis, der Ruhe zu pflegen. Das ist gar nicht Kanutenart, aber es muß sein.

Kein Lampenfieber, kein Starter, keine Regattaatmosphäre, kein ,,Los!“ spornt uns zu großen Leistungen an. Eine leichte Brise aus West macht sich auf, und nichts erinnert mehr an die Faulheit, als die Zelte zusammengelegt werden. Schnell werden die Boote gepackt und die Segel gesetzt. Wenige Augenblicke später schiebt uns der leichte Wind vor sich her. Boot an Boot liegend, bahnt sich das ,,Päckchen“ durch die Wasser des Mittellandkanals. Seemannsgarn wird gesponnen, ganz dünne Fäden fesseln die Zuhörer, nur wenn ab und zu ein Knoten hineinkommt, blinkern die übrigen mit den Augen. Sie zweifeln im stillen die Wahrheit an, lassen aber widerspruchslos den ,,ganzen Segen“ über sich ergehen. Gegen Mittag kommen uns noch einige Boote entgegen. Sie schließen sich uns schnell an, und weiter geht die Fahrt. Wenn die Vorredner Garn gesponnen haben, dann war das leichter ,,Tobak“. Der Dicke ist dagegen ,,Seilmacher“. Die ,,Strapazen“ des Vortages sind vergessen, und alles strahlt Fröhlichkeit aus. Von den Brücken winken uns ,,Zaungäste“ eine frohe Fahrt zu, und lachende Kinder laufen am Ufer nebenher.

Die Sonne hat einen bedenklichen Tiefstand erreicht, aber noch schiebt der Wind uns, ohne zu bocken, vor sich her. Vom Bootshaus trennen uns nur noch wenige hundert Meter. Musik klingt uns entgegen, ein frohes, kraftschöpfendes Treiben herrscht am neuen Bootshaus. Aus eigener Kraft haben wir die Grundlage zur Ausübung unserer Sportart geschaffen, mit Unterstützung der Organe

 

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